Von Ackergäulen und Rennpferden

Jetzt ist es schon wieder passiert. Miserable Pisa-Bewertung, das hantig-verhärmte Gesicht der Ministerin und der spitze Ruf nach der Gesamtschule. Eines erschreckender als das andere.

Das Interview mit Heinisch-Hosek im heutigen Kurier war schon gelesen, ehe die erste Zeile bewältigt war. Vorhersehbar das Immergleiche. So antwortet die Ministerin auf die Frage, warum denn die Volksschule, die ja eine gemeinsame Schule ist, die Defizite unserer Kinder nicht behebe, doch glatt mit „Weil die Kinder ja im gleichen Alter nicht das gleiche Bildungsniveau haben.“ In den anschließenden Sätzen verliert sie sich im Blabla, das hat mit der Fragestellung dann nichts mehr zu tun.

Aber zurück zu „weil die  Kinder ja….“. Herrgottnochmal, das darf ja nicht wahr sein! Kinder haben in jedem „gleichen Alter“ nicht gleiche Bildungsniveaus; völlig gleich ob in der Volksschule oder in der HTL. Das Bildungsniveau, das weiß jede/r Lehrende, ergibt sich aus der Wechselwirkung aus Input und Verarbeitung und jeweiliger Bereitwilligkeit. Und hier hakt die ganze Sache; mitnichten an der Frage, ob Gesamtschule oder nicht.

Niemand in vorderster Reihe hat den Mumm offen zu sagen, dass Input das eine ist, aber vor allem Bereitwilligkeit und mit ihr gepaart das jeweilige Kapazitätenniveau das weitaus Bedeutendere. Sagen wir es doch offen und einfach!

Es gib faule Schüler, die sich nicht um Hausaufgaben und Mitarbeit scheren.

Es gibt faule Schüler, die sich scheren, es aber nicht behirnen.

Es gibt faule Schüler, die sich scheren, es nicht behirnen, aber engagierte Eltern haben.

Es gibt faule Schüler, die sich scheren, es nicht behirnen, aber keine Engagierten haben.

Es gibt faule Schüler, die sich nicht scheren, es trotzdem behirnen.

Es gibt faule Schüler, die sich nicht scheren, es nicht behirnen, Engagierte haben.

Es gibt faule Schüler, die sich nicht scheren, nichts behirnen, keine Engagierten haben.

Es gibt aber auch fleißige Schüler, die sich scheren und alles behirnen.

Es gibt aber auch fleißige Schüler, die sich scheren, es nicht behirnen.

Es gibt aber auch fleißige Schüler, die sich nicht scheren und trotzdem behirnen.

Es gibt so viele Arten von Schülern, in jeder Schulstufe, in jedem Alter. In der Volksschule, in den NMS, den AHS und B(M)HS. Das hat mit gemeinsamer Schule nichts zu tun. Gar nichts. Es gibt dumme und gescheite. Und viele dazwischen. Aus einem Ackergaul mache ich kein Rennpferd. Ich kann ihm nur die besten Voraussetzungen bieten voranzukommen. Und das ist wichtig. Und wenn ich das einmal verstanden habe, das selbst in unterschiedlichen Klassen und vielen Unterrichtsjahren erfahren habe, weiß ich, dass die Einführung einer gemeinsamen Schule für den Arsch ist. Die Ackergäule bleiben immer hinter den Vollblutarabern. Das liegt an der Konstitution.

In der gemeinsamen Klasse sitzen dann eben 5 hufmarode Ackergäule, 10 arbeitsame Kaltblüter, 10 kräftige Warmblüter und 4 gesegnete Vollblutaraber. Aufgabe eines einzelnen Lehrers ist es, all diese wunderbaren Geschöpfe von Jahr zu Jahr über eine neu gesetzte Ziellinie zu bringen. Gemeinsam. Die einen hatschen mühselig und/oder wollen partout nicht, die anderen hängen gierig in den Zügeln und schnauben nach mehr. Was sich in der gemeinsamen Schule gegenüber bestehendem System verändert, ist die Anzahl innerhalb der jeweiligen Pferdeart. Was sich nicht ändert, ist das Einlehrertum. Was sich nicht ändert, ist die bestehende Wechselwirkung zwischen Ackergaul und Vollblutaraber. Letztere sind nur bedingt Ansporn für Erstere. Das sagt die Erfahrung. Letztere sind vor allem auch Enttäuschungen für Erstere, weil sie sehen, dass sie es einfach nicht checken. Das ist auch Erfahrung. Das sehe ich in den Volksschulen. Das sehe ich in den ORG, HTL und HAK.

Das weiß jeder, der schon länger unterrichtet und ehrlich ist. Und wenn man weiter ehrlich ist, wäre es in allen Schulformen das Beste, Leistungsgruppen da und dort einzurichten (eine für Ackergäule, eine für Kaltblüter, usw.), um denen mit auch nur einem Lehrer bestmögliche Zuwendung geben zu können, ohne dass den Lehrenden das wilde Geschnaube der Warmblüter oder das mühselige Getrampel der Ackergäule davon abhält. Aber das würde ein Mehr an Lehrer bedeuten, ein Vielmehr an Kosten. Das will der Staat aber nicht. Stattdessen geht er her, palavert ständig von Finnland, das gar nicht so ist, wie es ist, aber wer weiß das schon da draußen, verschweigt Südkoreas erfolgreiche Hochleistungszuchten mit Schneid und Zund und kommt im Sog irgendwelcher Erhebungen und Testungen immer wieder mit der schalen, unehrlichen und fehlromantisierten gemeinsamen Schule daher.

Um diesen Fehlweg unbeirrt und fahrlässig dennoch beschreiten zu können, modelt man kostenintensiv die Lehrerbildung um, zerstört die gefälligen Hauptschulen und erweckt die NMS zu gescheiterten Existenzen (alles Gesamtverschulung durch die Hintertür), hakelt mit den Oppositionsparteien, aber auch mit dem Koalitionspartner um irgendwelche Modellregionen und mit ihnen zusammenhängenden lächerlichen Prozentzahlen und faselt ständig von Chancengleichheit. Hierbei wurde/wird in den Arbeitsgruppen, Schulstandorten und Pädagogischen Hochschulen massenweise Kohle verheizt.

Wenn ich die Chancengleichheit tatsächlich schaffen möchte, muss ich anders anpacken. Dann muss ich ehrlich zu Schülern und Eltern sein und sagen: „Ihr seid noch nicht so gut, ihr werdet jetzt gemeinsam gefördert“, „Ihr seid gut, ihr geht in diese Gruppe“ und so weiter. Und wenn einer aus der Gruppe der Ackergäule nicht herauskommt, dann ist das ja nicht schlimm. Äcker müssen auch bestellt werden. Auf dem Bildungsacker braucht es jedenfalls neue Pflüge.

Ein Gedanke zu „Von Ackergäulen und Rennpferden

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